Wie Zafer Guliyev verschwand
Kann ein Mann spurlos verschwinden? Ja. Denn Zafer Guliyev war spurlos verschwunden. An einem Samstag im Januar 1996 fand der Endrundenkampf zur deutschen Mannschaftsmeisterschaft im Ringen zwischen der RWG Mömbris-Königshofen und dem KSV Aalen statt. RWG-Ringer Guliyev war für die 48-kg-Klasse Freistil vorgesehen. Sein überlegener Sieg mit vier Mannschaftspunkten war fest eingeplant. Zwei Tage vor dem Kampf. Guliyev war weg. Einfach weg. Verschwunden. Nicht zu finden. Der Ringerverein aus Aalen wurde verdächtigt mit seinem Verschwinden etwas zu tun zu haben. Das wiesen die Verantwortlichen von der Ostalb empört zurück.
Guliyev, der gebürtige Aserbaidschaner, geboren am 17. Juni 1972, war ein absoluter Weltklassemann. Der Freistilspezialist startete für Russland. Bei der Olympiade 1996 in Atlanta (USA) gewann er Bronze, 1993 wurde er WM-Zweiter, 1995 WM-Dritter. Dreimal (1993, 1994, 1996) wurde er Europameister, dazu gewann er Silber und Bronze bei der EM.
Die Verantwortlichen der RWG reagierten sensationell schnell. Anstelle von Guliyev besetzte der schwedische Grecoringer Torbjörn Kornbakk den Ausländerplatz. Schon die Ausstellung der erforderlichen Lizenz in so kurzer Zeit war eine organisatorische Spitzenleistung. Kornbakk war 31 Jahre alt. Zweimal, 1990 und 1997 war er Europameister. Dazu kam EM-Silber (1989) und zweimal EM-Bronze (1991 und 1994). 1992 bei der Olympiade in Barcelona holte er Bronze, ebenso bei der WM 1994. Er startete im Weltergewicht. Die RWG gewann mit der völlig umgestellten Staffel sowohl den Vorkampf wie auch den Rückkampf in Aalen. Ohne Guliyev. Der Vorkampf fand übrigens in der Prischosshalle in Alzenau statt.
Noch eine Frage ist offen. Was wurde aus Guliyev? Der hatte längst in Aalen unterschrieben und ging künftig für die „Bären von der Ostalb“ auf die Matte… Ein Schelm ist, wer Böses dabei denkt. Und auch: Wie kann man nur so unverfroren sein?
