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Main-Echo: Olympia in Corona-Zeiten: Das sagt die Equipe der deutschen Ringer aus unserer Region

Abstandsregeln, Maskenpflicht, Transfers nur mit Spezialtaxis, eine App, über die sich Sportler, Trainer und Betreuer per GPS tracken lassen, Covid-19 Liaison Officers als nervige Kontrolleure, kurz – das Leben in der Blase: Die Olympischen Spiele von Tokio, davon ist Ringer-Freistil-Bundestrainer Jürgen Scheibe (Aschaffenburg) überzeugt, »werden ganz besondere Spiele sein«.

Der 52-Jährige zählt neben Schiedsrichter Jeffrey Spiegel (Niedernberg) wie Sportdirektor Jannis Zamanduridis (Krombach), Michael Carl, Bundestrainer für den griechisch-römischen Stil (Kleinostheim), und Physiotherapeut Steffen Trageser (Alzenau-Michelbach) zum Tross der deutschen Ringer in Japan. Kümmern müssen sie sich um sieben Sportler, darunter die Ringerinnen Anna Schell (Waldaschaff) und Aline Rotter-Focken.

Was auf Athleten und Trainer normalerweise bei Olympia einstürmt, weiß Scheibe am besten. Als Ringer stand er selbst in Seoul (1988), Barcelona (1992), Atlanta (1996) und Sydney (2000) auf der Matte, als Trainer begleitete er die Frauen in Athen (2004) und Peking (2008). Tokio bedeutet für ihn die siebte Teilnahme an Olympischen Spielen. Die aber werden ganz anders sein: »Das gibt keine Olympischen Spiele, wie man sie gewohnt ist«, so Scheibe: »Japan wird mit dem Thema Corona streng umgehen. So gibt es zum Beispiel einen Aktivitätsplan, an den man sich exakt zu halten hat.« In den vergangenen Wochen hatte der Coach eine Flut von Formularen zu bearbeiten. In aller Munde ist die App, über die sich die Olympioniken per GPS tracken lassen müssen. So will der Gastgeber für eine engmaschige Überwachung sorgen.

Ärger mit der App

 

Bei Michael Carl hatte die App am Dienstag nicht so richtig funktioniert. »Es klappt noch nicht alles hundertprozentig. Da muss Japan noch nacharbeiten«, sagte er im Gespräch mit unserem Medienhaus. Während Trainerkollege Scheibe in Tokio den Freistil-Spezialisten Gennadij Cudinovic zu coachen hat, kümmert sich Carl um die vier Athleten Etienne Kinsinger, Denis Kudla, Eduard Popp und Frank Stäbler. Für den 42-Jährigen wird es »die große Herausforderung und Kunst« sein, mit der Extremsituation gut umzugehen. Die Ringer, im Olympischen Dorf untergebracht, müssen sich täglichen PCR-Tests unterziehen. Obwohl sie vor der Abreise große Vorsicht haben walten lassen, schwebt wie ein Damoklesschwert doch die vage Möglichkeit einer Infektion über ihnen – oder eines falsch positiven Tests. So wie bei Denis Kudla Anfang 2021. Michael Carl rückblickend: »Er entwickelte keine Antikörper, hatte kein Corona, musste aber trotzdem in Quarantäne.« Und so reist auch eine Portion Unsicherheit mit den Athleten und Verantwortlichen nach Japan.

Jürgen Scheibe ist dennoch zuversichtlich, dass sein Ringer die Corona-Misere »ausblenden und sich zu 100 Prozent auf den Wettkampf konzentrieren kann«. Dass das Turnier vor leeren Rängen stattfindet, irritiert keinen mehr. Die Sportler kennen das von der Qualifikation. So glaubt Scheibe, dass Cudinovic als Außenseiter »entspannt und ohne Druck« die Ringermatte betreten kann.

Infektion wirkt nach

 

Bei einem Top-Mann wie Frank Stäbler hingegen kommen die hohen Erwartungen hinzu. Vor Corona galt der dreifache Weltmeister im griechisch-römischen Stil als heißer Anwärter auf die Goldmedaille. Die Folgen eine Corona-Infektion und eine Schulterverletzung warfen ihn zurück. Bei der Europameisterschaft im April lief es »nicht optimal«, erst »in den letzten zwei Monaten verlief alles nach Plan«. Wichtig wird es laut Carl sein, dass der Ringer das Gewichtmachen – er muss runter von 75 auf 67 Kilo – »gut kompensiert«. Generell glaubt der Coach, dass sich in Tokio am Ende die Sportler durchsetzen, die die Corona-Misere gut händeln: »Ich bin überzeugt davon, dass die Athleten, die das am besten können, die größten Medaillenchancen haben. Das gilt für alle Sportarten.«

Einen Beitrag zum Erfolg will Steffen Trageser leisten. Schon dessen Vater Fritz hatte als Physiotherapeut die deutschen Ringer in Sydney und Athen betreut. Für den 39 Jahre alten Sohn sind es die ersten Olympischen Spiele. Internationale Erfahrung hat er genug gesammelt, etwa bei den European Games 2015 in Baku und 2019 in Minsk. Um auf Nummer sicher zu gehen, begab sich Trageser zuletzt für 14 Tage in Eigen-Quarantäne. In Tokio fängt seine Arbeit bei der Regeneration nach dem Gewichtmachen an. »Als Mama der Mannschaft« ist der Physiotherapeut zudem ein wichtiger Ansprechpartner der Athleten, mit dem sie Sorgen teilen können.

Trotz der Härten der Pandemie freut sich Trageser »wie ein Kind« auf Olympia. Die Spiele abzusagen, war für ihn nie eine Option: »Das wäre eine Katastrophe für den Sport gewesen. Die Jungs und Mädels haben sich fünf Jahre den Arsch aufgerissen. Für sie wäre eine Welt zusammengebrochen.«

Quelle: Main-Echo | Verfasser: Manfred Weiß

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