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Main-Echo: Erfolgreich im Freistil und in der Liebe

Der 18-jährige Engländer Harvey Ridings ringt als Exot für Oberligist RWG Mömbris/Königshofen

Sucht man bei in­ter­na­tio­na­len Rin­ger­tur­nie­ren die Teil­neh­mer aus En­g­land, so fin­det man sie im klas­si­schen Stil prak­tisch gar nicht. »Wir ha­ben nicht ge­nug Trai­ner mit Grie­chisch-Rö­misch-Kom­pe­tenz«, sagt ei­ner, der es wis­sen muss:

der 18-jährige Engländer Harvey Ridings, der seit dieser Saison für Oberligist RWG Mömbris/Königshofen ringt – selbstverständlich im freien Stil. Dort hat das Fliegengewicht in der 57-Kilo-Klasse bisher eine makellose Bilanz und alle Kämpfe vorzeitig gewonnen. Nicht nur deshalb haben sie den Exoten im Kahlgrund schon ins Herz geschlossen.

»Er ist ein lustiger Typ, wir lachen sehr viel zusammen«, sagt Christian Volk. Er, der schon sein Leben lang mit der RWG verbunden ist, einst selbst für Mömbris/Königshofen rang und sogar drei Bundesliga-Kämpfe absolvierte, kann das mit am besten beurteilen: Ridings, mit der Unterstützung dreier Sponsoren und seiner Eltern ausschließlich zum professionellen Ringen nach Deutschland gekommen, wohnt bei ihm zuhause. »Wir haben ihm ein Extra-Zimmer zur Verfügung gestellt, das er aber nicht mehr benötigt«, sagt Volk. Was in einer Liebesgeschichte begründet ist: »Schon vor seiner Ankunft hatte er Kontakt zu unserer Tochter Svenja, die im gleichen Alter ist. Heute sind sie ein Paar!«

Nicht nur deshalb ist der junge Kampfsportler inzwischen bestens integriert. »Wir machen vieles zusammen«, erzählt Volk. »Wir essen zusammen, unterhalten uns abends über den Tag und was er plant. Da er noch keinen Führerschein hat, fahren wir ihn ins Training zur RWG oder in das Fitnessstudio nach Mömbris.« Überdies versuche die Familie, ihm Deutschland näher zu bringen: »Wir waren an einem kampffreien Wochenende in Köln und planen demnächst einen Kurztrip nach München, mit Weihnachtsmarkt«, so Volk.

Auch bei Teamkollegen und Publikum der RWG Mömbris/Königshofen hat Harvey Ridings schnell Freunde gewonnen: »Er ist in der Mannschaft super aufgenommen worden und jeder mag ihn.« Bis in den Dezember hinein, wenn die Oberliga-Saison endet, wird er bleiben – und lernt bereits ein bisschen Deutsch: »Sein Schnitzel im Brauhaus in Schöllkrippen kann er schon selbst bestellen«, scherzt Christian Volk. »Obwohl unser Englisch, außer bei unserer Tochter, nicht das beste ist, funktioniert die Verständigung hervorragend.«

Auf der Matte ist der Spaß freilich vorbei: »Wenn er im Training ist oder sich auf den Kampf vorbereitet, ist er absolut fokussiert und immer mit vollem Einsatz dabei«, sagt Volk über Ridings. Der Engländer selbst bestätigt das in seiner Muttersprache und mit gewollter mathematischer Übertreibung: »Everyday I give 200 per cent« (»ich gebe jeden Tag 200 Prozent«).

Viele Titel gewonnen

Denn auch wenn der Inselstaat alles andere als ein Ringer-Mutterland ist, hat der Teenager bereits ein hohes Niveau und viele Titel erreicht. Ridings war schon achtmal englischer Meister, in diesem Jahr erstmals bei den Männern. Längst kämpft der aus Wigan (nahe Manchester) stammende Freistil-Spezialist im Nationalteam; RWG-Chef und Ex-Bundesliga-Ringer Benjamin Hofmann bescheinigt ihm ein Potenzial, das auch für die deutsche Freistil-Nationalmannschaft reichen würde. Bislang strich Ridings in allen Oberliga-Kämpfen für die RWG Vierer ein. Den nächsten will er diesen Samstag im Spitzenkampf gegen den ASV Schaafheim folgen lassen, wenn er auf David Bertram oder Eliah Lucyga treffen dürfte.

Schon als Vierjähriger ging der Engländer auf die Matte, »mein Vater ist ein großer Fan von Rugby und anderen Kontakt-Sportarten«. Letztlich gab die Nähe eines Ringervereins zum Wohnort den Ausschlag, dass sich der Rotschopf für diesen Sport entschied. Dort entwickelte er nach und nach seine Qualitäten, »meine Mentalität und meine Arbeitsethik sind meine größten Stärken«, sagt Ridings von sich selbst. Seinen Willen könne man nicht brechen, fügt er an, »ich glaube daran, dass ich der Beste sein kann und führe mir das jeden Tag vor Augen«. Diese Art von Visualisierung sei »ein wichtiger Teil von jedem Erfolg“.

Immer Gewicht machen

Freilich sei er noch jung und lerne dazu, auch weil seine körperliche Entwicklung noch nicht abgeschlossen sei. Derzeit muss er für jeden Kampf Gewicht machen, »aber so langsam fällt mir das leichter«. In der Rückrunde darf er im 61-Kilo-Freistil-Limit 4000 Gramm mehr auf die Waage bringen. Die Limits bis 57 und 61 Kilo gibt es auch in der Bundesliga – »eines Tages« das erklärte Ziel von Ringer Harvey Ridings. Schließlich biete das deutsche Oberhaus Athleten aus ganz Europa die Chance, auch in höheren Sportlerjahren »extra money« zu verdienen. Seinen Leistungs-»Peak« erwartet der Engländer trotz seiner schon jetzt guten Auftritte erst in einigen Jahren, »mit Ende 20 oder Anfang 30«.

Quelle: Main-Echo | Verfasser: Jens Dörr